Diese Website verwendet Funktionen, die Ihr Browser nicht unterstützt. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser auf eine aktuelle Version.
Pageflow

© 2023
Orhan Çalışır/Dirk Meißner

Kontakt:
streiks1973@gmail.com

Inhaltlich verantwortlich 
gemäß § 18 MStV:

Orhan Çalışır
Grünenstraße 17
28199 Bremen
Tel: +49 (0)173 2158 222

Produktion:
Dirk Meißner
strombuch.com

Gefördert von:
Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

Medien
  • Christian Dalchow
  •  | Der Spiegel
  •  | Dieter Heinert
  •  | Dirk Meißner
  •  | Emine Orhanoğlu
  •  | Erdoğan Karayel
  •  | Express
  •  | İsmet Aydın
  •  | Klaus der Geiger
  •  | Klaus Gutbrod
  •  | Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
  •  | Mitat Özdemir
  •  | Muzaffer Çalışır
  •  | Orhan Calisir
  •  | Peter Bach
  •  | Reiner Schmidt
  •  | Rosa Luxemburg Stiftung
  •  | Yusuf As

Streik

Arbeitskämpfe der 70er

Migration betrifft uns alle. Die Erkenntnis, dass Migration den Normalfall darstellt, ist aber noch nicht fest in der Gesellschaft verankert. Geschichten von Migrant*innen und ihren Nachkommen werden viel zu häufig ausgeblendet. Dabei zählt jede einzelne Geschichte. Zusammen ergeben sie ein Bild Nordrhein-Westfalens und der Bundesrepublik.

Dieses multimediale Projekt will ein wichtiges Kapitel bewahren. Zum 50jährigen Jubiläum der sogenannten „wilden Streiks“ von 1973 entstanden Video-Porträts von Zeitzeug*innen. Ihr Aufstand richtete sich gegen massive Ungleichbehandlung und war der erste massenhafte Widerstand gegen Rassismus in Deutschlands Betrieben und in der Gesellschaft.

Türkische Übersetzung / Türkçe çeviri

Göç hepimizi ilgilendiriyor. Ancak göçün normal bir durum olduğu gerçeği henüz toplumda tam olarak yerleşmedi. Göçmenlerin ve onların çocuk ve torunlarının hikâyeleri genellikle görmezden gelinir. Oysaki her bir hikâye önemlidir. Bir araya geldiklerinde, Kuzey Ren-Vestfalya ve Federal Cumhuriyet'in bir resmini oluştururlar. 

Bu çoklu ortam (multimedya) çalışması, göç tarihinin önemli bir hikâyesini gelecek kuşaklara aktarmayı amaçlamaktadır. 1973 yılında gerçekleşen ve “Olağanüstü Grevler” olarak anılan olayların 50. yıl dönümünde, bu süreci birebir yaşamış kişilerin portreleri hazırlandı. Bu insanların başkaldırısı, büyük bir eşitsizliğe karşıydı; Almanya’daki işyerlerinde ve toplum genelinde var olan ırkçılığa karşı gerçekleştirilen ilk kitlesel direnişti.

Der Ton kann über das Lautsprecher-Symbol in der Navigationsleiste wieder deaktiviert werden.

Gekommen. Geblieben.

Gastarbeiter*innen werden die Arbeitsmigrantinnen und -migranten genannt, die in den 1950er und 60er Jahren gezielt nach Deutschland angeworben wurden, um den Arbeitskräftemangel in der Nachkriegszeit auszugleichen. Sie trugen in hohem Maße zum sogenannten Wirtschaftswunder bei.

Gastarbeiter ist ein Wort der Alltagssprache. Bilaterale Verträge zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte schloss die Bundesrepublik Deutschland mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968).

Viele der ausländischen Arbeitskräfte blieben dauerhaft und holten ihre Familien nach. Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen rund 14 Millionen Arbeitsmigrantinnen und -migranten nach Deutschland, von denen 11 Millionen wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehrten.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

0:00/0:00

Barrierefreiheit: Hören Sie hier alle Texte als Audio

Ford in Köln

„Wilder Streik“

Funke oder Flächenbrand?

Im August 1973 traten bei den Ford-Werken in Köln-Niehl tausende Arbeiter in den Streik. Anlass war die Entlassung von über 300 türkischen Kollegen, die aus dem Urlaub zu spät zurückkamen. Weder die IG-Metall, noch der Betriebsrat unterstützten den Streik. Sie waren im Gegenteil vehement dagegen. Deshalb wurde der Streik als „wilder Streik“ bezeichnet oder vor allem in der Springer-Presse als „Türken-Streik“.

Träger des Arbeitskampfes waren die über 12.000 türkischen Arbeiter, die fast alle in der Produktion arbeiteten, dort die anstrengendsten Arbeiten verrichteten und in den niedrigsten Lohngruppen eingestuft waren. Eine auch von den Gewerkschaften noch nicht hinreichend aufgearbeitete Geschichte.

Mehr als 300 Streiks gab es 1973 insgesamt in der Bundesrepublik. Arbeitsmigrant*innen spielten dabei eine wichtige Rolle. Die meisten Streiks blieben aber eher klein und unbemerkt. 

Stolz und Sorge

Viele Streik-Beteiligte sind heute zwischen 70 und 80 Jahre alt. Manche leben nicht mehr. Das Projekt dient der Dokumentation, damit die breite Öffentlichkeit auch in späteren Jahren ihre Stimmen hört und sich Schulklassen und Student*innen mit dem Thema Migration befassen können.

0:00/0:00

Mitat Özdemir, Ford-Arbeiter und Sozialbetreuer in Ford-Wohnheimen

Interview-Text zum Lesen

Da hat man uns als „wilde Streiker“ beschimpft. Bacher, der ein Megafon in der Hand hat, ruft „eine Mark mehr und eine Woche mehr, sechs Wochen Urlaub.“ Ich habe gesagt, mit großer Sorge, innerlich: „Bacher, was machst du? Man macht von dir Kleinholz. Du verlierst alles. Du verlierst deine Aufenthaltserlaubnis. Du verlierst deine Arbeit. Man schmeißt dich weg. Wie kannst du so was machen?“

Auf der anderen Seite war ich so stolz auf ihn. Ja, Stolz, Sorge, stressig. Wie geht das weiter? Endlich mal Nein zu sagen, das fehlte mir bei dem, was wir in Deutschland erlebten. Wie ich Ford kenne: Als ich nach sechs Monaten krank geworden bin durch diese schwere Arbeit. Ich musste noch 14 Tage in ein Krankenhaus liegen. Nach 14 Tagen hat man mich aufgepäppelt und wieder reingesteckt an eine große, starke Maschine, wo ich dann also wirklich wie ein Tier arbeiten mußte. Aber ich kannte ja nicht anders. Ich und tausende andere.

Jetzt habe ich plötzlich verstanden, warum man streikt. Das erst Mal. Aber kurioserweise, von schwerer Arbeit redete keiner beim Streik. Die wollten den gleichen Lohn wie die deutschen Kollegen haben und sechs Wochen Urlaub. Das habe ich ja auch verstanden. Das ist doch gerecht. Da kann man jetzt natürlich sagen, wieso sechs Wochen Urlaub? Die Deutschen bekommen nur vier Wochen.

Ja, aber keiner wusste, dass die Menschen, die sie hier so viel reingeholt haben, dann nach Türkei fahren. Wenn man von Urlaub redet bei Ford-Arbeitern: Ford hat damals alle Bänder angehalten, hat alle acht oder 20.000 Menschen in den Urlaub geschickt. Und alle deutschen oder anderen Kollegen sind zum Strand nach Spanien oder Griechenland, Italien, gefahren. Das war ja in Mode damals, dahin in Urlaub zu fahren, drei Wochen oder so was.

Aber die Türken, 99 Prozent fuhren nach Hause, die etwas zurückgelassen hatten: Familie, Sorgen, das Dach reparieren und eventuell auch die Ernte zusammenbringen. Und vielleicht die letzten paar Tage den liebsten Bekannten im nächsten Ort besuchen - schafft er nicht.

Und nach 50 Jahren, dass wir heute darüber sprechen, macht mich überglücklich. Was in mir steckt, kommt jetzt raus. Gott sei Dank, Ich bin heute glücklich. Das bestätigt mich, dass es kein „wilder Streik“ war. Heute spricht man darüber, sogar manchmal begeisterungsartig. Und dann sagen da auch viele „Gott sei Dank, dass wir da gestreikt haben“. Das war ja nicht willkommen, dieser Streik, in der breiten Gesellschaft nicht, bei der Gewerkschaft nicht, beim Arbeitgeber nicht, überhaupt nicht.

Und heute verfolge ich auch in anderer Form, auf anderer Ebene, diese „50 Jahre Streik“, wie das schön diskutiert wird. Und das macht mich fröhlich und glücklich. Da fühle ich mich noch mal ein Stückchen sicherer in diesem Land. Das gibt mir eine Energie.

50 Jahre später wollen Menschen, die das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit respektieren und schätzen, sowie einige der Kinder und Enkelkinder dieser Arbeiter*innen wissen, was damals geschah. Es ist noch nicht zu spät, die Streikenden von damals selbst zu fragen.

Aktivismus



0:00/0:00

Reiner Schmidt: 1971 bis 1973 Picker im Ersatzteillager bei Ford Merkenich, Mitglied der Streikleitung

Interviewtext

Klassisch ökonomisch war es eine Niederlage. Wir haben nichts durchgesetzt an ökonomischen Forderungen. Aber es war ein absolute Erfolgsgeschichte, was die endlich neue Rolle der sogenannten Gastarbeiter, der migrantischen Arbeiter eingeläutet hat. Und das war nicht nur bei Ford so. Das war natürlich dieser ganze Sommer ’73 aus Sicht der „migrantischen Anarchie“, oder wie immer man das nennen will.

Ich sage das immer, viele Leute stoßen sich daran, dass ich das immer so nenne. Ich sage dann immer: Da sind endlich die Opfer zu Tätern geworden. Da im Deutschen „Täter“ oft so negativ besetzt ist, finden die das immer komisch, wenn ich das sage. Also für mich bringe ich das so auf den Punkt: Die sind Interventionisten geworden, die sind eingestiegen, die haben sich das nicht mehr gefallen lassen. Und von daher war dieser Streik, der Ford-Streik, aber auch die anderen Streiks in dem Sommer und in dem Jahr 1973 ein großer Erfolg.

Also was die Richtung Abbau von oder Kampf gegen Rassismus angeht: Es war ein großer Erfolg. Ja, auf der Ebene schon. Ansonsten ökonomisch? Dabei rausgekommen ist ja das, was die Gewerkschaft dann verhandelt hat, diese 280 Mark als Teuerungszulage. Ich weiß nicht, ob sie das ohne den Streik auch in der Höhe gemacht hätten, aber irgendwas hätten die auch gemacht, da bin ich ziemlich sicher. Insofern war der Streik also wirklich nur auf dieser Metaebene ein Erfolg.

Für mich persönlich war die Teilhabe an dem Streik, und auch in der Vorbereitung, an dieser Dynamik und Auseinandersetzung mit den betrieblichen Strukturen, auch mit den Kollegen, mit den deutschen Kollegen, mit den türkischen Kollegen, war das eine persönliche Erfahrung, die mich, glaube ich, linksradikal stabilisiert hat.

Ich habe dann auch immer aufgepasst, dass ich jetzt nicht als Berufsschullehrer im Sauerland lande, mit einem Haus in Hanglage oder so, sondern dass ich immer wieder mir bewusst war: Du musst jetzt hier gucken, dass du nicht ins Privatleben absackst, wenn du weiterhin was verändern willst. Und das war für mich persönlich der Erfolg bei dieser Geschichte. Aber auf der allgemein-politischen Ebene war das, was ich vorhin gesagt habe, der Erfolg.

Streik-Komitee

0:00/0:00

Hasan Doğan, Mitglied im Streik-Komitee bei Ford

0:00/0:00

Peter Bach war linker Aktivist und arbeitete im Ford-Motorenwerk. Er beteiligte sich am Streik und verlor seine Stelle.

Interviewtext

Am 2. Mai 1973, an dem Tag fing ich bei Ford an. Und das war wirklich so: Zum einen war das ja, als die ganzen Formalitäten abgewickelt waren, eine sehr freundliche Aufnahme an dem Arbeitsplatz, an dem ich arbeiten sollte. Das war in der Linie, im Motorenwerk. Und im Motorenwerk waren dreieinhalbtausend Menschen beschäftigt. Außer den Handwerkern und den Meistern, vielleicht in der Kontrolle noch, aber sonst waren das alles Leute aus der Türkei. Ja, es war eine netter Empfang da.

Klar, diese Dimension dieses Werkes war erschlagend, sodass ich, als dann Feierabend war und alle gingen in ihre Umkleideräume, da habe ich nicht nur erst mal meinen Umkleideraum nicht gefunden, sondern ich habe auch nachher die Linie gar nicht mehr gefunden, in der ich gearbeitet hatte. Und ich fand auch das zuständige Meisterbüro nicht. Ich habe mich dann durchgefragt und wurde zu meinem Schrank geleitet. Ich sage das einfach nur, um diese Dimension klarzumachen, dass man plötzlich in so einem Werk ist, wo alles durcheinander kommt, was man bisher erlebt hatte.

Von da an war der Streik, der dann kurze Zeit später ja, ich hatte im Mai angefangen und im August fing der Streik an, so ein bisschen die Krönung dieser ersten Monate. Ich ging tagelang nicht mehr aus dem Werk, war mit den Leuten zusammen, die ich sowieso schon kennengelernt hatte, weil sie in meiner Halle arbeiten. Und ja, wir streiften praktisch diese Zeit durchs Werk, haben die Tore besetzt, haben nachts Wache gemacht. Ich war in gewisser Weise in ihren Kreis aufgenommen worden, und es war ein reger Austausch von eigenen Geschichten und Erlebnissen und Hoffnungen. Und von daher war das für mich, glaube ich, eine prägende Zeit. Und dass ich nach 50 Jahren noch irgendwie, dass mich dieser Fortschritt noch emotional so stark berührt, liegt daran, dass es damals auch ein unvergessliches Erlebnis war.

Dass Ford aufgrund dieser massenhaften Einstellung von Arbeitern aus der Türkei zu sehr Auto-untypisch niedrigen Löhnen einstellte, sie praktisch die Rationalisierung, die andere vornahmen, Opel zum Beispiel, nicht gemacht haben. Und das führte dazu, dass bei Ford zu der Zeit immer noch, und das war wohl wirklich das gesundheitsraubendste: über dem Kopf unter den Autos gearbeitet wurde. Bei Opel sind zum Beispiel damals die Autos auf die Seite gestellt worden, so dass man so arbeiten konnte. Das ist nachher bei Ford auch gemacht worden.

Aber zu der Zeit musste man noch anders arbeiten. Das heißt, die Zahl der Arbeiter, die nach relativ kurzer Zeit schon über Schmerzen in den Schultern und in den Armgelenken klagten, sowohl Gelenkschmerzen als auch Muskelschmerzen von Verhärtungen in der Muskulatur, war bei Ford unheimlich groß und auch der Verschleiß von Leuten,die dann wieder in die Türkei geschickt wurden. Sie wurden ja immer an dieselbe Arbeit gesetzt und da wurde wirklich auch so ein ganz bewusster, muss man einfach sagen, ganz großer Raubbau an Arbeitskräften betrieben, wo man die Folgen dieses Raubbaus in die Türkei zurück exportierte.

Was ich glaube, wer wirklich eine ganz wichtige Rolle gespielt hat, ist Baha, weil er einfach am Tor den Streikenden das Gefühl gegeben hat: Wir haben alles versucht, um die Deutschen auch dazu zu holen. Wir waren so nett zu denen. Baha hat die so eindringlich aufgefordert, warum doch Solidarität in der Situation ganz, ganz angemessen wäre und hatte wirklich auch so eine, ja, wie kann man das sagen? Er hatte wirklich so eine behutsame Art, sowohl mit den Streikenden zu sprechen, wie auch diese Auseinandersetzung mit der Geschäftsleitung zu führen, als auch mit den Leuten zu sprechen, die vor dem Tor sich nicht entscheiden konnten, reinzukommen.

Es gab ja auch türkische Kollegen, die kamen und nicht unbedingt die Kämpfer vor dem Herrn waren, sondern die draußen gesagt haben: „Was ist da eigentlich los?“ Also die Bilder, die sie sahen, waren ja teilweise auch für, ich sage jetzt mal eine eher konservative Seele, doch erst mal schwer zu entziffern. Was blüht mir eigentlich da drin? Und was für eine Konsequenz hat das, wenn ich mich da als Teil von gebe. Und das hat er wirklich in einer unnachahmliche Weise überbrückt.

Streik-Sound

Klaus der Geiger (*1940 als Klaus Christian von Wrochem) ist ein deutscher Musiker und Liedermacher, der im linksalternativen Spektrum der Neuen sozialen Bewegungen politisch engagiert ist. Er gilt als einer der bekanntesten Straßenmusiker Deutschlands. In den sozialen Bewegungen und Auseinandersetzungen in Köln ist er eine feste Größe und spielte auch 1973 für die streikenden Ford-Arbeiter.

10.000 Arbeiter, die blau machen? Da müssen wir die Polizei mit einschalten.

Klaus der Geiger

Streikbeobachter: Hans-Jürgen Wischnewski (*1922 bis 2005) war als  SPD-Politiker von 1957 bis 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Unter Kanzler Willy Brandt galt er als wichtiger „Strippenzieher“ und wurde auch in seiner späteren Zeit als Staatsminister mit zahlreichen Sondermissionen beauftragt.

Weil beim Ford-Streik die tarifvertragliche Friedenspflicht nicht eingehalten wurde, kam es zu Auseinandersetzungen mit dem Werkschutz und der Polizei. Boulevardmedien titelten in rassistischer Manier: „Türken-Terror bei Ford“.

Die Forderungen der Streikenden wurden nicht erfüllt. Aber ihre Kampfbereitschaft gefährdete die traditionelle Lohnpolitik der Gewerkschaften und den Erfolg der Bonner Stabilisierungspolitik.

Wer die Gewerkschaften schwächt, schwächt die Solidarität der Arbeitnehmer.

Bundeskanzler Willy Brandt

Ziele und Ablauf

0:00/0:00

Dieter Heinert – Mitglied des Streikkomitees – war bekannter als „Missouri“, weil er sich damals für Bluesmusik begeisterte und es in der politischen Szene schon genug „Dieters“ gab.

Interviewtext

Mein Meister kam ganz aufgeregt auf mich zu und sagte: „Da ist was ganz Schlimmes, da kommt ein Zug von chaotischen Menschen, die wollen alle streiken. Und ich soll euch sagen: Verhaltet euch ruhig und versucht auch mit, die Kollegen zu beruhigen.“ So war das. Und er hatte kaum ausgesprochen, da sah ich die ersten Kollegen auch schon kommen. Habe ich natürlich nicht gemacht und ich hatte auch gar nicht damit gerechnet. Ich dachte, heute passiert nichts, das werden wir wohl am Montag machen müssen. Und ja, da habe ich mich dem Streikzug angeschlossen.

Und dann kamen die ersten Forderungen. Wir müssen irgendwas wollen. Dann war die Hauptforderung zu diesem Zeitpunkt eben, die Entlassungen der türkischen Kollegen, die entlassen werden sollten, zurückzunehmen und die Band-Geschwindigkeiten zurückzunehmen. Und auch mehr Freizeit sollte geklärt werden, dass die Kollegen, die dann in die Türkei in Urlaub fuhren, dass man denen zumindest mal längeren Urlaub gewährt, was man auch festhielt. Das war so der Impetus. Und ich kam noch mit dem Gedanken: Wir wollen ja auch mehr Geld fordern. Und wir hatten bei den Kölner Ford-Arbeitern vorbereitet: Wir fordern 60 Pfennig mehr die Stunde.

Wir hatten Karton und wir hatten auch noch Farbe organisiert. Und ich wollte gerade „60 Pfennig mehr“ schreiben, da sagt ein türkischer Kollege: „60 Pfennig? Bist du bekloppt? Eine Mark mehr!“ Ja, klingt auch besser, und da habe ich dann „Eine Mark mehr“ drauf geschrieben. So kam die Forderung nach einer Mark mehr zustande. Und das ist dann auch geblieben. Da hat sich dann keiner mehr auf 60 Pfennig runter verhandeln lassen oder sonst was. Eine Mark mehr war dann die Forderung.

Jetzt war es nur so: Ich stand relativ weit weg, weil schon eine große Menschenmenge da gestanden hat, und ich hörte den Kuckelkorn durch sein Megafon sprechen, jetzt hätten wir unsere Forderungen ja formuliert, jetzt könnten wir wieder an unsere Arbeit gehen, Da war auch eine große Gruppe Deutscher, also eine gemischte Gruppe, aber mit einem sehr großen Anteil Deutscher. Und dann habe ich gesagt, das ist doch Blödsinn. Die Geschäftsleitung hat ja noch nicht mal Stellung genommen zu unseren Forderungen. Die können ja erst mal rauskommen und sagen, wir haben das jetzt mitbekommen und wir sagen das und das dazu. Das ärgerte mich fürchterlich.

Und kein Mensch sagte was. Das war so eine Stimmung. Da war erst mal Ruhe. Und ich denke, der kann doch jetzt nicht sagen, geht wieder an die Arbeit, bevor irgendwas passiert ist. Und dann hab ich von Weitem gerufen: „Was soll das jetzt? Wir wollen doch erst mal die Geschäftsleitung hören!“ Und das ist dann bei den Leuten sehr gut angekommen. Und ich bin im Grunde genommen nach vorne geschoben worden. Ich wollte da gar nicht mit hin. Ich bin nach vorne geschoben worden bis zum Kuckelkorn und sagte: „Gib mir mal das Megafon“.

Und weil die Leute unruhig waren, gab er mir das Megafon nicht. Und ich wollte ihm das aus der Hand reißen. Und er zog an dem Megafon, und ich zog an dem Megafon. Und dann habe ich ihm das aus der Hand gerissen, und ich habe am Kabel gezogen. Und dann riss das Kabel auseinander, und dann war die Geschichte gelaufen. Dann habe ich das zwar noch mal laut gesagt, aber dann hatten wir kein Megafon mehr.

Und dann plötzlich, wer das genau gesagt hat, kann ich nicht mehr sagen, dann hieß es plötzlich: Parole ist, wir gehen alle nach Hause, die Schicht ist abgesagt. Ich vermute, dass doch noch von der Personalabteilung oder auch von der Geschäftsleitung jemand gesagt hat: Ist das alles zu gefährlich oder was? Das schaukelt sich hoch und dann sagen wir die Schicht ab. Und dann sind wir nach Hause gegangen am Freitag. Das war so der Freitag.

Das Interessante war nur: samstags waren Überstunden angesagt und dass die Türken am Samstag alle zur Arbeit gegangen sind und noch die Überstunden gemacht haben wegen dem Geld. Die haben gesagt, also das Geld nehmen wir noch mit. Und am Montag ging der Streik ja dann weiter.

Ja, dieser Mittwoch dann … man wollte uns schon in gewisser Weise reinlegen. Das war auch schon sehr aggressiv. Es wurde ja immer aggressiver, und zwar nicht von unserer Seite, sondern vonseiten des Werkschutzes als auch von mit dem Werkschutz kollaborierenden höheren, Angestellten, Meistern oder so was. Wir waren also vor der Personalabteilung, und dann hieß es dann plötzlich: „Kommt doch rauf, wir verhandeln mit euch.“ Wir sollten also ins Gebäude reinkommen und mit denen verhandeln.

Und da war aber schon was, die Stimmung war schon so aggressiv, und man traute auch nicht mehr, den Betriebsräten sowieso nicht, also bestimmten Betriebsräten, sowieso nicht und der Geschäftsleitung auch nicht. Und dann wuchs die Forderung und man sagte, ja, wir kommen hoch und verhandeln mit euch, wenn so und so viele von der Geschäftsleitung als auch von den Betriebsräten hier unten auf dem Platz bleiben. Das würde man heute schon fast auf Deutsch gesagt eine Geiselnahme nennen. Kommt runter, und die anderen kommen hoch.

Und dann stellte sich tatsächlich raus, dass das ganze Gebäude schon besetzt war mit Polizei. Wenn wir hochgekommen wären, hätten sie uns verhaftet. Das war die Situation, und als wir das festgestellt haben, kochte die Stimmung noch weiter hoch und dann war es tatsächlich so, dass auch schon Schlägereien an bestimmten Orten, in der G-Halle entstanden waren, weil bestimmte Leute, Meister meistens, meinten, sich profilieren zu müssen, dass sie handgreiflich wurden gegenüber Kollegen. Und dann ist auch ein Meister und Obermeister, glaube ich, zusammengeschlagen worden, auch von Streikenden, weil er vorher jemanden angegriffen hatte, dem blutete die Nase, dem lief das Blut über den Mund. Und dann ist man zu dem hin und hat sich den gepackt. Der ist dann auch in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Dem ist es gar nicht gut gegangen. Das war jetzt nicht toll, dass war nicht das, was man wollte, aber es ist halt passiert.

50 Jahre später bist du plötzlich wieder in so einer Situation, da redest du wieder über Ford und über die ganzen Sachen und merkst, dass du auch wirklich was bewirkt hast, dass es den Leuten besser gegangen ist. Mein Vater hat immer erzählt: „Nach dem Streik wurde alles besser, nach dem Streik wurde alles besser. Die haben sich nicht mehr getraut, uns anzupacken“. Das hat sich verändert.

Natürlich haben wir verloren, objektiv verloren, weil ich bin ja rausgeflogen. Viel sind rausgeflogen. Aber die Situation war eine völlig andere. Die haben sich nicht mehr getraut, die Belegschaft in dem Stil anzufassen, vor allem nicht mehr die türkische Belegschaft in dem Stil anzupacken, wie es vorher gewesen ist.

Und da haben sich die Türken vor allen Dingen ein großes Stück Würde zurückgeholt, wirklich ein großes Stück Ehre und Würde zurückgeholt. Und das war wirklich wichtig.

Rheinstahl in Bielefeld-Brackwede

IG Metall und Polizei

Elf Tage dauerte der bis dahin längste spontane Streik in der Bundesrepublik Deutschland. Er endete mit einer Niederlage der Streikenden, die ihre Forderungen auch wegen massiver Polizeigewalt im Werk von Rheinstahl in Bielefeld-Brackwede nicht durchsetzen konnten. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Kapitel der Streikgeschichte weitgehend vergessen ist.

Rheinstahl war ein wichtiger Zulieferer für die Auto-Industrie unter anderem für Borgward und Mercedes in Bremen.

0:00/0:00

Klaus Gutbrod, 1973 Mitglied im Betriebsrat von Rheinstahl

Interviewtext

Ich glaube, der Hintergrund ist der, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht ganz zufrieden waren mit den Abschlüssen, Tarifabschlüssen der IG Metall. Aus unserer und ihrer Sicht waren die Tarifabschlüsse bescheiden und die Gewinne der Unternehmen stiegen enorm. Wir wollten nur einen Teil des Kuchens haben.

Vielleicht eine Vorbemerkung: Wir waren schon 1969 streikerfahren. Da haben wir damals durch einen spontanen Streik eine Tariferhöhung für alle von 30 Pfennig pro Stunde durchgesetzt. Es hat auch 1969 in vielen deutschen Betrieben Warnstreiks gegeben. Dann kam es ja 1973 zu dem Streik, zu vielen Streiks in der Bundesrepublik. Einer dieser Streiks war bei Reinstahl in Brackwede. Und der Hintergrund war natürlich: Wie auch 1969, die Gewinne sprudelten, die Tarifabschlüsse waren überschaubar. Und insofern wollten die Kolleginnen und Kollegen einen Teil des Kuchens abhaben.

Die Forderung bei Reinstahl in Brackwede war „60 Pfennig für alle“. Für alle deshalb, weil die Tarifpolitik der IG Metall, wir reden hier jetzt von der IG Metall, im Wesentlichen immer prozentuale Tarifpolitik war. Das heißt, die viel verdienten bekamen entsprechend bei prozentualen Abschlüssen mehr dazu, und die weniger verdienten, haben natürlich weniger dazu bekommen. Und deshalb war die Forderung nicht nach mehr Prozenten, sondern die Forderung war 60 Pfennig linear für alle, weil für alle das Brot gleich teurer wurde.

Es hat ja schon gebrodelt und gekocht. Es ist ja nicht so, dass vorher gar nichts gewesen war. Es gab Diskussionen im Betrieb. Und es gab mit einem Mal die Forderung nach 60 Pfennig für alle. Und die Kolleginnen und Kollegen zogen vors Werkstor und haben ihre Forderung lautstark zum Ausdruck gebracht.

Das war ein spontaner Streik, kein Streik, der üblicherweise per Urabstimmung wie auch immer, durch Mitgliederversammlung, und die Gewerkschaft war aus ihrer Sicht gebunden an den Tarifabschluss. Man hätte den Tarifabschluss aufkündigen müssen. Das ist aber nicht geschehen, und insofern hat die örtliche IG Metall den Streik auch nicht unterstützt. Im Gegenteil, sie haben mehrfach versucht, Einfluss zu nehmen, den Streik vorzeitig zu beenden.

Wir haben von Anfang an versucht, mit den damaligen Falken, sozialistische deutsche Jugend, die Falken, so was wie Verpflegung sicherzustellen. Das heißt also, es gab morgens Kaffee, es gab Brötchen, es gab mittags Würstchen oder Suppe. Auch Gerichte, die die ausländischen Kollegen gemocht haben. Und es gab einen Speiseplan für die ganze Woche. Das hat natürlich die Werksleitung richtig übelgenommen und das Fass zum Überlaufen gebracht.

Das heißt also, es war ja darauf angelegt. Sie wollten ja, dass möglichst sofort die Arbeit wieder aufgenommen wurde. Aber als der Speiseplan für die ganze Woche herauskam, dann wussten die schon, was die Stunde geschlagen hatte.

Weil wir ein wichtiger Zulieferer gewesen sind, unter anderem für Mercedes und für Borgward in Bremen, was Autoteile betrifft, wollten die, so war zumindest die Absicht, die entsprechenden Werkzeuge, die für die Herstellung dieser Autoteile erforderlich sind, aus dem Betrieb abholen. Aber da unsere Kranfahrer auch gut organisiert waren, haben wir natürlich dafür gesorgt, dass die Kranbahnen alle stillgelegt waren und im Prinzip damit auch keine schweren Werkzeuge aus den Hallen haben abgefahren werden können.

Meines Wissens gab es Verhaftungen, ich glaube sieben oder acht. Ich weiß aber nicht mehr genau, die erst mal kaltgestellt wurden. Das spricht sich natürlich auch ganz schnell rum innerhalb der Belegschaft, dass Verhaftungen vorgenommen worden sind. Das schürt natürlich entsprechend die Angst. Und insofern hat das auch dazu beigetragen. Das heißt, nicht unerheblich war die Polizeipräsenz und die Polizeigewalt in der Auseinandersetzung zum Schluss des Arbeitskampfes.

Als ich in aller Frühe in den Betrieb reinging und das sah, war ich entsetzt. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich nehme an, das ist allen anderen Kolleginnen und Kollegen genauso gegangen. So was hat es in der westdeutschen Arbeiterbewegung in irgendwelchen Streiksituationen nicht gegeben. Glaube ich jedenfalls nicht. Und alle waren entsetzt, eingeschüchtert und damit auch richtig konsterniert, weil jeder, der am Streik teilgenommen hat, der auch weitermachen wollte oder nicht weitermachen wollte, schon aus Angst vor der Polizeigewalt weitgehend eingeknickt ist.

Sehr bedrohliche Situation. Wer weiß, ob nicht einer am Hebel sitzt durch irgendwelche Umstände. Einer, die Nerven verliert, und dann hätte es im Zweifelsfall noch ein Blutbad gegeben. Wie gesagt, das erste Erschrecken war von außen, als sie in den Betrieb reinkamen und das zweite Erschrecken war natürlich, als an den wichtigen Arbeitsplätzen, und das vornehmlich im Presswerk, als da an den wichtigen Maschinen auch noch bewaffnete Polizeibeamte zu sehen waren. Ja, dann weißt du insgeheim, entweder geht es weiter oder es gibt eine wilde Auseinandersetzung.

Meines Wissens sind 13 Kündigungen ausgesprochen worden. Obwohl während des Streiksimmer wieder Gegenstand war: Es gibt keine Repressalien. Zwei Tage später wurden 13 Kolleginnen und Kollegen entlassen, zum Teil Vorarbeiter auch. Nicht nur ausländische Kollegen, auch deutsche Kollegen. Unter anderem ist mein Bruder entlassen worden, der sich ganz normal wie jeder andere auch am Streik beteiligt hat. Aber da gilt natürlich sowas wie Sippenhaft. Mich konnten sie schlecht packen, weil ich ja Betriebsrat gewesen bin und bei mir hätte es vielleicht noch mal wiederum einen Aufstand in der Belegschaft gegeben. Und insofern hat man sich da willkürlich bestimmte Leute rausgesucht, um zu sagen, das ist ein Signal, macht so was nicht wieder.

Ich finde es außerordentlich gut, dass es Menschen gibt, die sich daran erinnern, was vor 50 Jahren geschehen ist, dass die es wieder ins Bewusstsein der Menschen rufen und dass andere vielleicht, hoffentlich, aus der Geschichte lernen und damit auch politisiert werden und damit auch mehr teilnehmen am gesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Leben.

Viele Gastarbeiter wurden damals auch finanziell benachteiligt. Sie kannten ihre Rechte nicht, sprachen kein Deutsch und hatten außer Dolmetschern oft keine speziellen Vertrauensleute in den Betrieben. 

0:00/0:00

İsmet Aydın, Arbeiter bei Rheinstahl

0:00/0:00

Muzaffer Çalışır, Arbeiter bei Rheinstahl

Hella in Lippstadt

Benachteiligung von Frauen

Gestreikt wurde auch beim Automobilzulieferer Hella im westfälischen Lippstadt: Dort arbeiten unter anderem Spanier, Italiener, Griechen und Jugoslawen. Ihre Forderung nach 50 Pfennig mehr wurde letztlich erfüllt. Zum Arbeitskampf kam es dort auch, weil sich Frauen doppelt benachteiligt fühlten.

0:00/0:00

Irina Vavitsa kam mit 21 Jahren aus Griechenland nach Deutschland. Sie engagierte sich trotz der schlechten Erfahrungen weiter als Gewerkschafterin.

Interviewtext

Wir konnten nicht richtig lesen. Was bedeutet die eine oder andere Sache? Was bedeutete Steuer? Was bedeutete Lohngruppe? Was bedeutete alles. Wir konnten nicht lesen, wir wussten aber, wie viele Stunden wir gearbeitet haben und auch am Ende, wie viel Geld wir gekriegt haben. Und da haben wir die Unterschiede gesehen. Und da waren wir richtig sauer.

Am Ende haben wir festgestellt: Eine deutsche Frau hat weniger Geld gekriegt als ein deutscher Mann, weil sie war eine Frau. Und ich als Ausländerin habe noch weniger gehabt. Also sage ich jetzt, ich war zweimal bestraft, einmal als Frau und zum zweiten Mal als Migrantin bei gleicher Arbeit. Wie waren ja an der gleichen Bahn. Wir haben die gleichen Stunden gemacht, wir haben die gleiche Tätigkeit gemacht und trotzdem waren da die Unterschiede.

Wir haben gedacht, ja, was sind wir hier jetzt, Sklaven? Was sind wir? Warum gibt es so einen Unterschied? Und irgendwann haben wir mitgekriegt, dass die Geschäftsführung mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung getroffen hat. Die haben beschlossen, dass die deutschen Facharbeiter 60 Pfennig mehr Geld kriegen. Also freiwillige Zulage. Ja, dann haben wir gesagt: Das Fass ist voll jetzt. Das ist ungerecht. Wir haben diskutiert, auf Spanisch, Italienisch, Griechisch, Jugoslawisch. Mit Händen und Füßen haben wir uns verständigt.

Und wir haben gesagt, jetzt ist aber Schluss! Jetzt gehen wir auf die Straße. Jetzt gehen wir barrikadieren. Wir waren so ein bisschen sauer auf unseren Betriebsrat, weil das Problem war bei Hella, wir hatten Dolmetscher, die haben uns bestimmte Pflichten erklärt, aber nicht unsere Rechte.

Viele haben befristete Arbeitsverträge gehabt. Ich war damals schon unbefristet übernommen und ich war noch hochschwanger. Und dann haben wir gesagt, wir gehen auf die Straße und dann haben die alle, aber alle, ohne Wenn und Aber, wir sind alle auf die Straße gegangen. Dann kam mein Mann und sagte „Irene, du darfst nicht rausgehen. Du bist schwanger, du musst nach Hause.“ Ich habe gesagt: „Ich kann nicht nach Hause, wenn meine Kollegen hier draußen sind“.

Und deswegen beim Bild, da war ich so ein bisschen seitlich. Nicht da, wo viele sind. Weil wir hatten auch Polizeieinsatz mit Hunden. Wir waren also Unruhestifter. Wir wollten dem Unternehmen schaden, und da gab es solche Diskussionen draußen, auch im Fernsehen und in den Medien. Der WDR war da, der spanische Botschafter war da.

Die Betriebsräte haben versucht, uns zu bremsen, also uns zu beruhigen. Aber das war nicht zu beruhigen. Balkan-Temperament, spanisches Temperament, italienisches Temperament, uns konnte niemand bremsen. Wir waren vier Tage lang auf der Straße. Den Arbeitgeber nicht mitgerechnet, hatten wir die Unterstützung von den deutschen Kollegen und besonders diejenigen deutschen Facharbeiter, die diese 60 Pfennig mehr kriegen sollten, waren auch auf unserer Seite. Und das hat uns wirklich Mut gemacht.

Auch die ganze Stadt war auf den Beinen. Wir haben ja zwei Werke, und wir sind von einem Werk, also da, wo ich beschäftigt war und mein Mann, das war mehr Produktion und das Hauptwerk, also das andere Werk war mehr die Angestellten und Geschäftsführung. Und wir sind den ganzen Tag durch die Stadt marschiert und haben auch viel Unterstützung von Lippstädtern gekriegt.

Niemand konnte uns bremsen. Wir haben gesagt: „Nein, wir wollen 50 Pfennig mehr!“ Wir wollten nicht mehr und nicht weniger. Wir wollten 50 Pfennig, nur 50 Pfennig. Wir konnten vielleicht die deutsche Sprache nicht, aber dumm waren wir nicht. Aber bei vielen von uns war auch dieses politische Bewusstsein da.

Aber wir kannten nicht die Rolle des Betriebsrates und die Rolle der Gewerkschaft. Und wir kannten auch das Betriebsverfassungsgesetz nicht. Was durftest du machen? Was durftest du nicht machen? Nach dem Streik hatten die uns dann wieder in Stich gelassen. Der Betriebsrat war nicht bei uns. Die IG Metall war nicht bei uns. Niemand hat uns erklärt: Was bedeutet das? Diese freiwillige Zulage haben wir gekriegt, diese 50 Pfennig, die wir verlangt hatten. Niemand hat uns aber erklärt: Was bedeutet das?

Weil freiwillige Zulagen bei der nächsten Lohnerhöhung aufgerundet werden. Und nach der Tarifauseinandersetzung, plus minus, haben wir zehn Pfennig mehr gehabt. Und wir haben uns wirklich, also sag ich jetzt ganz ehrlich, verarscht gefühlt, alleingelassen und verarscht. Aber wirklich! Wir haben gesagt, man hätte uns das erklären können.

Ja, und ich denke mir, wir sind ausgetreten aus der Gewerkschaft, viele Kollegen sind ausgetreten. Und das war so solidarisch, wenn einer ausgetreten ist. Wir waren alle stinksauer. Und dann haben wir gesagt jetzt gehen wir raus, wofür müssen wir Mitglieder sein? Die ignorieren uns.

Irgendwann hat die IG Metall es sich anders überlegt, umgedacht. Dann haben die gesagt, wir können diese Menschen nicht ignorieren. Die sind genauso wie unsere Kollegen, die werden ausgebeutet. Wir müssen diese Menschen integrieren.

Pierburg in Neuss

Kampf um Gleichstellung

Der Streik beim Neusser Automobilzulieferer Pierburg machte 1973 bundesweit Schlagzeilen. Migrantische Frauen übernahmen dabei eine führende Rolle. 

Im Juni und im August legten insgesamt rund 2.000 Arbeiter*innen, davon 1.700 Frauen überwiegend aus Jugoslawien, Spanien, der Türkei, Griechenland und Italien, ihre Arbeit nieder. Sie forderten die Abschaffung der sogenannten Leichtlohngruppe 2 und eine Mark mehr Lohn für alle Arbeiter*innen.

Am Ende wurde die Leichtlohngruppe 2 abgeschafft und Lohnerhöhungen um 30 Pfenning für alle durchgesetzt. Der Streik bei Pierburg 1973 ist damit ein Paradebeispiel in Sachen geschlechtlicher Gleichstellung.

Quelle: DOMiD | Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland 

0:00/0:00

Die Türkin Emine Orhanoğlu arbeitete an einer wassergekühlten Fräse.

Noch kein Ende

Dieses Projekt wächst weiter. Es folgen noch mehr Berichte von Zeitzeug*innen. Es lohnt sich also, hin und wieder vorbeizuschauen.

All dies wäre nicht möglich gewesen ohne die großzügige Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Wir danken herzlich dem Greven Archiv Digital für die großartigen Bilder des Fotografen Christian Dalchow. Ohne dessen dokumentarischen Blick hätten wir den Ford-Streik nicht anschaulich machen können.

Klaus der Geiger hat uns freigiebig seine Musik zur Verfügung gestellt – was dem Projekt sehr gut tut.

Ein Dank auch für Beratung und Unterstützung an DOMiD | Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland.

Danke und teşekkürler von Herzen all den Menschen, die uns ihre Geschichten und Fotos anvertraut haben.

Wir werden sie bewahren.



Türkische Übersetzung / Türkçe çeviri

Bu çalışma büyümeye devam ediyor. Daha fazla tanık hikâyesi gelecek. Onun için ara sıra sayfaya bakmak faydalı olacaktır. Ayrıca 2024'te sayfanın Türkçesi de olacak. 

Tüm bunlar, Kuzey Ren-Vestfalya Kültür ve Bilim Bakanlığı'nın cömert desteği olmadan mümkün olmazdı. 

Fotoğrafçı Christian Dalchow'un harika fotoğrafları için Greven Archiv Digital'e içtenlikle teşekkür ederiz. Onun belgesel bakış açısı olmasaydı, Ford Grevi'ni görsellerle anlatmak mümkün olmazdı. 

Klaus der Geiger müziğini projeye cömertçe verdi, bu da çalışmaya çok iyi geldi.

Almanya'ya Göçün Belgelendirme Merkezi ve Müzesi DOMiD'e de danışma ve desteği için teşekkür ederiz. 

Bize güvenerek hikâyelerini ve belgelerini veren herkese içtenlikle teşekkür ederiz. 

Onları koruyacağız.





Shownote: Diese historischen Tage haben Benny Ulmer und Nazım Sabuncu dazu inspiriert, den Song „1973 Grevi“ zu produzieren. Wie ein roter Faden führt das eingängige Saz-Riff den Zuhörer durch das Stück. Die von Nazim Sabuncu gesprochenen Textstellen enthalten Originalaussagen der Streikenden.

Türkische Übersetzung / Türkçe çeviri

Gösteri bilgisi: Bu tarihi günler, Benny Ulmer ve Nazım Sabuncu'ya "1973 Grevi" adlı şarkıyı yapmaları için ilham verdi. Akılda kalıcı saz rifleri, dinleyiciyi parça boyunca sürüklüyor. Nazım Sabuncu tarafından okunan metinler, grevcilerin özgün ifadelerini içermektedir.